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Freitag, 21. August 2026

Der neue KI-Kapitalismus

In einer Titelgeschichte im SPIEGEL beschreiben Simon Book und Nicola Abe die Bedrohungen durch künstliche Intelligenz. Die künstliche Intelligenz stellt den Kapitalismus infrage: Die Reichen werden reicher, Jobs für die Mittelschicht verschwinden. Das System droht an sein Ende zu kommen.

Der Mensch geht, die Maschine übernimmt

Im Artikel wird ein Manager von Meta zitiert, der sagt, dass er sein eigenes Karriereende herbeiprogrammiert hat. Neben Meta-Chef Zuckerberg haben auch andere Techunternehmen vor, Jobs abzubauen und durch künstliche Intelligenz zu ersetzen. Auch in anderen Branchen übernehmen KI-Programme die Arbeit – vom Programmieren, über die Bewertung von Röntgenbildern hin zur Shoppingtour. Untersuchungen prophezeien einen massiven Stellenabbau. 

„Dieses Mal erschaffen wir Akteure, nicht Werkzeuge“

Für Demis Hassabis, den Direktor des KI-Labors von Google, wird die KI-Revolution bedeutsamer als die industrielle: „Es verläuft schneller und größer, dieses Mal erschaffen wir Akteure und nicht Werkzeuge.“
Schon Karl Marx beschrieb die menschliche Arbeit als zentrales Element unseres Wirtschaftssystems. Der Kapitalist kauft neben Produktionsmitteln humane Arbeitskraft und macht Profit. In den folgenden Jahrzehnten konnte auch die Arbeiter aufsteigen, es entstand eine Mittelschicht. Dieses Wohlstandsversprechen verändert sich: Während die Mittelschicht um ihre Existenz bangt, häufen die Tech-Oligarchen ungeheure Vermögen an.

Zeigt die KI-Revolution also, dass Marx doch recht hatte?

Marx argumentierte, dass der Kapitalismus sein Ende in sich hat. Da Kapitalisten immer produktiver werden müssen, drücken die Kosten und verdrängen lebendige Arbeit. Wenn sich das Kapital von der Arbeit völlig entkoppelt, würde der Mensch überflüssig und die Spaltung zwischen Arm und Reich unendlich. Angesichts der aktuellen Entwicklung folgern die Autoren: „Es klingt, als hätte Marx schon 1867 das 21. Jahrhundert vorhergesehen.“ Aber auch die KI-Propheten waren, so fordert OpenAI-Chef Sam Altman, dass am Ende der Wohlstand aller zunehmen müsse. 

Schneller und diffuser Strukturwandel 

Die Unsicherheit weltweit ist groß – quer durch alle Altersklassen. Ökonomen bezweifeln, ob bei der KI-Revolution die Erfahrungen der letzten Revolutionen eintreten, nämlich, dass verlorene Arbeitsplätze durch neue Tätigkeiten und Berufsfelder ausgeglichen werden können. Dieser Strukturwandel verläuft schneller und diffuser als frühere. KI ist eine Maschine, die stets dazulernt, ihr Ziel ohne Anleitung erreichen und sogar eigenständig entscheiden kann. 

Gen Z als verlorene Generation? 

Galt früher Bildung als sichere Eintrittskarte in ein materiell unbeschwertes Leben, gilt dies heute nur noch bedingt. Die Gen Z – die heute 14- bis 30-Jährigen – könnten betroffen sein. Erst Corona, anschließend Inflation und Wirtschaftskrise, über allem die Klimakatastrophe, nun KI. Gleichzeitig träumen Musk und Co. von einem Schlaraffenland, in dem niemand mehr arbeiten muss, weil alle Güter und Dienstleistungen im Überfluss vorhanden sind. Deren unfassbarer Reichtum zeigt auch die zunehmende Ungleichheit. 

Techunternehmen werden immer mächtiger 

Elon Musk war kurzzeitig Billionär und erreicht über seine Plattform X 560 Millionen Menschen, Nvida-Chef Huang bringt es auf 180 Mrd. Dollar, Meta-Gründer Zuckerberg auf rund 200 Mrd., außerdem kontrolliert sein Konzern die Bildschirme von 3,6 Milliarden Menschen. Mit dem Geld kommt auch politischer Einfluss, wie Musk eindrucksvoll bewies. Der Historiker Harari prophezeit einen Machtkampf zwischen Techunternehmen und Regierungen, den die Techunternehmen gewinnen könnten. 

Gegenbewegungen 

Thomas Piketty beschreibt in seinem Werk, dass die Rendite auf Kapital oft höher sind als das Wirtschaftswachstum: In der Konsequenz wird derjenige, der Kapital besitzt, schneller reich als derjenige, der nur arbeitet. Er musste Ungenauigkeiten in seinen Studien einräumen, die Ungleichheit wird aber weltweit zum Problem. Eine Gegenbewegung nennt sich „Neo-Ludditen“ nach dem Vorbild englischer Textilarbeiter, die sich gegen die Industrialisierung wehren wollten. Die „Neo-Ludditen“ verweigern soziale Medien und KI und nutzen „dumme“ Handys, mit denen nur telefoniert werden kann. Amerikanische Sicherheitsbehörden warnen vor »antitechnologischem gewalttätigem Extremismus«. 

Ein Update für das bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem 

Im Artikel werden zahlreiche Ideen vorgestellt, wie auf die Entwicklung reagiert werden sollte. 

  • OpenAI-Chef Altman schwebt eine Robotersteuer vor, Elon Musk eine Art universelles Grundeinkommen. 
  • US-Senator Bernie Sanders will das KI-Kapital verstaatlichen, Präsident Trump immerhin einen kleinen Teil an die Öffentlichkeit übertragen. 
  • Massive Steuern für hohe Vermögen und Einkommen schlägt Thomas Piketty und das World Inequality Lap vor 
  • Niclas Bergruen, ein deutsch-amerikanischer Milliardär, der kurzeitig Karstadt retten wollte, will den Kapitalismus umbauen, sodass jeder vom Gewinnen profitieren kann. Entweder über einen Fonds, in den die Unternehmen einzahlen oder einen Sparplan, der für Bürger gefordert wird. Gebt den Leuten Anteile an ihrer Wirtschaft. Lasst sie Teil ihrer eigenen Zukunft sein.«

Künstliche Intelligenz einhegen

Die Autoren vermuten, dass Karl Marx seine Freude daran gehabt hätte, dass der Kapitalismus durch sozialistische Maßnahmen gerettet werden soll. Die Argumente für Regeln betreffen aber nicht nur die Verteilung des Geldes. Nachdem sich ein KI-Agent des Unternehmens OpenAI selbständig gemacht hat, fordert sogar Donald Trump, künstliche Intelligenz eingehegt werden muss. Die Techunternehmen wehren sich mit massiven Kampagnen gegen diese Bestrebungen und machen Druck auf Kandidaten, die strengere Regeln fordern. 

Kommt es 2028 zur Machtprobe?

Bei den US-Präsidentschaftswahl 2028 könnte es zur ersten Machtprobe kommen: Tech-Oligarchie versus Demokratie. Der Historiker Sven Beckert hat zwei Elemente des Kapitalismus herausgearbeitet. Kapitalismus ist keine natürliche Ordnung, sondern eine historische Entwicklung. Außerdem ist er undogmatisch. Der Kapitalismus braucht also nicht unbedingt die Demokratie. Die Demokratie braucht aber nicht zwingend den Kapitalismus. 
Für Beckert ist offen, was kommt, dringend erforderlich hält aber auch er mehr Umverteilung. „Ein Zurück gebe es in der Geschichte per se nie: auch nicht in die Zeit, als künstliche Intelligenz nur die Idee einiger Informatiker war. Und nicht die neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Realität.“