Kerstin Bund kritisiert in der Süddeutschen Zeitung die Debatte über die Arbeitsmoral der Deutschen. Um dieses Thema geht es in einem neuem Seminar aus meinem Bereich Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Lust an sozialer Kälter
Die Autorin kritisiert die aktuellen Forderungen: Viertagewoche, Work-Life-Balance, die Streichung des Arbeitszeitgesetzes oder die Beschwerden über den hohen Krankenstand: Es gibt eine neue Lust an sozialer Kälte. Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion legte noch einen drauf: Sie fordern ein Ende der Lifestyle-Teilzeit und die private Absicherung von Zahnarztbehandlungen.
Hinter den Vorschlägen stehen reale Probleme: Deutschland hat die älteste Arbeitsbevölkerung und steuert auf ein demographisches Problem zu. Die Kosten für die Sozialversicherungen steigen, hinzu kommen Sondervermögen für Verteidigung und Infrastruktur.
Misstrauen und Schuldzuweisungen nicht der richtige Weg
Die Autorin kritisiert, dass der Kanzler seinem Volk nicht traut und auf Härte und Disziplin setzt.
Dabei verspielt die Regierung aber eine historische Chance: die Menschen für echten, für tiefgreifenden Wandel zu gewinnen. Die Mehrheit der Deutschen hält Reformen für nötig, mit der Disziplinierungsrhetorik gewinnt er aber niemand. +
Einfache Parolen für komplexe Probleme. Aktionismus statt Analyse
Anstelle der Leistungsappelle fordert die Autorin Vermögende und Spitzenverdienter stärker heranzuziehen. Entscheidend ist die Produktivität. Diese stagniert und ist zuletzt sogar gesunken: das liegt an schlechter Organisation, zu viel Bürokratie, zu viele ineffiziente Abläufe, zu wenig Digitalisierung. Auch bei der Teilzeit könnten bessere Betreuung und Änderungen am Ehegattensplitting mehr bringen. Statt einer losen Abfolge populistischer Einzelvorschläge, wäre ein Gesamtprogramm nötig, das Arbeitsmarkt und Sozialstaat reformiert und die Lasten fair verteilt.
Menschen beim Wandel mitnehmen
Nötig ist ein anderes Klima. Die Bereitschaft zu Reformen steigt nicht durch Misstrauen, Druck und Kälte, sondern durch ein anderes Menschenbild. Nötig ist die Einsicht, dass die meisten Beschäftigten bereit sind, ihren Beitrag zu leisten, sofern man sie nicht zu Gegnern erklärt.